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Etwas über den Liederdichter Hermann Claudius

 

Während Matthias Claudius (1746 – 1815) als Dichter und Liederdichter gut bekannt ist - wir kennen insbesondere sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen" (Geselliges Chorbuch Seite 44), das wahrlich ein Volkslied ist - ist dessen Ur-Enkel Hermann Claudius (1878 –1980) nicht ganz so bekannt. Und doch singen wir auch von ihm häufig ein Abendlied, nämlich „Eh ich mich niederlege" (Geselliges Chorbuch Seite 46), und auch dieses ist uns sehr lieb geworden. Im Geselligen Chorbuch ist außerdem noch ein weiteres Abendlied von Hermann Claudius zu finden, das uns nicht ganz so geläufig ist, nämlich „Die Sonne sinkt von hinnen" (Seite 40).

Dafür dürfte das Morgenlied „Jeden Morgen geht die Sonne auf in der Wälder wundersamer Runde ..." (z. B. im Taschenliederbuch des SAV Seite 116 zu finden), von ihm um so mehr und in weiteren Kreisen bekannt sein und viel gesungen werden.

Da sich der Todestag von Hermann Claudius im letzten Herbst zum 20. Mal gejährt hat, mag eine Betrachtung über dessen Lebensweg und Lebenseinflüsse nicht nur den Singbeflissenen interessante Informationen, insbesondere auch zum Thema Jugendbewegung bieten. (Die Betrachtung von Heinrich Kahl ist dem Rundbrief des Freundeskreises der Gemsen 40/3 entnommen und von mir etwas gekürzt)

Gerhard Palmer

 

Hermann Claudius, Dichter und Lehrer in Hamburg

zu seinem 20. Todestag am 8. September 2000

 

Der Dichter Hermann Claudius (1878 - 1980), geboren im holsteinischen Langenfelde bei Altona, zum Lehrer ausgebildet in Hamburg, verlebte die letzten 20 Lebensjahre im stormarnschen Grönwohld bei Trittau; er starb am 8. September 1980 und ist begraben in Lütjensee.

Er, Ur-Enkel des „Wandsbecker Boten", des Matthias Claudius, war besonders vertraut mit Land und Leuten und ohne Frage geprägt von der Mentalität seiner Landsleute. Es sind die Lebensart, das Brauchtum der „Kleinen Leute" und die Sprache in diesem urstormarnschen Raum, die vor allem dem Kind sein Weltbild vermitteln, Bildungsfaktoren, die Hermann Claudius von Kind an begleiten und ihn geprägt haben. – Das ist die eine Wurzel seiner geistig-poetischen Existenz, zu der wohl doch der große Vorfahre, sein Ur-Großvater Matthias, noch sein Erbteil an Begabung hinzugetan hat, wenngleich Hermann bei Gelegenheit die Meinung vertrat, der Schatten des Ur-Ahnen sei ihm eher im Wege gewesen.

Eine zweite Wurzel seiner Existenz ist in der Jugendbewegung zu suchen. – Die Familie Claudius war 1885, als der Junge sieben Jahre alt war, vom Lande in die Großstadt Hamburg gezogen. Dort, im Stadtteil Eimsbüttel, besuchte Hermann die Volksschule von der ersten bis zur letzten Klasse. Diese Schule war um die Jahrhundertwende bereits in starkem Maße geprägt von reformpädagogischen Ideen und Ansätzen, die die Qualität des hamburgischen Bildungswesens vor 100 Jahren ausmachten.

Die Quellen dieser Entwicklung sind in der deutschen Jugendbewegung zu suchen, im Wandervogel, in der Freideutschen und Bündischen Jugend ebenso wie in den konfessionellen und politischen Jugendverbänden: Das Gros der aktiven Lehrerinnen und Lehrer hatte dort seine Bildung gefunden, hatte um und nach 1900 seine geistige Heimat im Wandervogel. Es war der freie Umgang mit Gleichgesinnten, die Ausprägung gemeinsamer Lebensformen, auch eine gehörige Portion hanseatischer Freizügigkeit und Unabhängigkeit, ein unbändiger Bildungs- und Wissensdrang, die gegen preußisch-wilhelminischen Drill, gegen alles Alte und Erstarrte, gegen Großmannssucht, leere Form und Konvention sich profilierten, die Kulturbewegung und dieses Bildungswesen hervorbrachten.

Diesem Strom war Hermann Claudius nicht nur ausgesetzt, er war als junger Hamburger Lehrer auch ein Aktivist in dieser Bewegung. Er hatte in den Jugendjahren als Schüler und Seminarist am eigenen Leibe Kultur nicht nur erfahren, er war vielmehr so weit hineingewachsen in literarische, bildnerische und musikalische Aktivitäten, daß er neben seinem Lehrerberuf die Möglichkeit fand, Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen eigenwilligen, höchst originellen Gedichtband zu veröffentlichen, eine Sammlung plattdeutscher Lyrik unter dem Titel „Mank Muern" (Zwischen Mauern).

Am Anfang stand das Erleben der Natur bei Wanderungen im Raum um Hamburg. Dabei entwickelten die jugendlichen Enthusiasten Lebensformen, die meist für das ganze Leben Gültigkeit behielten. Zu diesen „Aneignungen" gehörte unter anderem die „selbstgemachte" Kultur, das ist die Abkehr vom Kultur-Konsum, ist das Erkunden und Entwickeln der eigenen Fähigkeiten in musisch-künstlerischen Bereichen. Daß diese Bemühungen nicht kritiklos geschahen, sich nicht selbst etwas vormachten, ist selbstverständlich; aber Kritik bedeutete im Verständnis dieser Generation in erster Linie das Erkennen und Anerkennen gelungener Versuche und Äußerungen, erst danach auch das Erkennen und Benennen von Schwächen und Unzulänglichkeiten. Die Kameraden und Genossen nahmen sich gegenseitig ernst und nahmen sich an, sie tolerierten, akzeptierten und ermutigten sich. Allein das setzt Kräfte frei und ent-wickelt!

Die Solidarität innerhalb der relativ kleinen (Wandervogel-) Gruppe war ein tragendes Element: „Wer bei uns mitmacht, mit uns wandert, der gehört dazu!" Herkunft, Elternhaus, Abstammung spielten keine Rolle. Man erkannte sich an inneren Ausformungen ebenso wie am äußeren Habit: anspruchslose Kleidung (Kniehosen, Windjacken, „Schillerkragen" und Wanderschuhe), aber anspruchsvolle kulturelle Fertigkeiten (Singen, Tanzen, Musizieren, Rezitieren, Theater spielen, Zeichnen und Malen) waren beim Wandervogel und später in Bünden und Gruppen der Jugendbewegung allgemein verbreitet.

Erst nachdem gemeinsame Lebensformen nicht nur über wenige Jahre, sondern vielmehr über zwei Jahrzehnte gelebt worden waren, fand man im Jahre 1913 auf dem hessischen Hohen Meißner anläßlich eines herbstlichen Treffens zahlreicher jugendlicher Gruppen eine griffige Formel für das jugendgemäße Leben: „... nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ..." – Diese berühmte „Meißner-Formel" der Freideutschen Jugend ist ohne Zweifel auch für Hermann Claudius so etwas wie ein Lebensmotto geworden und gewesen, das bis in hohe Alter Gültigkeit behielt.

Eigenständiger Ausdruck, Abkehr vom hohlen Pathos, von großen Worten und unangemessenen Formen waren Hermann Claudius eigen.

Man lese seine Texte, seine Gedichte und Geschichten, und man schaue in seine Umwelt, in die Hermann-Claudius-Stube im Dorfmuseum Hoisdorf, um die Welt des Dichters, die auch ein Stück unserer Lebens-Welt ist, zu verstehen.

Heinrich Kahl

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abends

Wenn sich der Abend niedersenkt

Und man den Tag so überdenkt:

Warum, weshalb, wieso, wozu? –

Und sammelt langsam seine Ruh

Und setzt sich auf die Gartenbank

Und sagt dem Herrgott heimlich Dank ---

Dann ist´s mitunter – Gott verzeih! –

Als säße ER dir nebenbei

Als der erfahrene Ewig-Mann

Und höre deine Beichte an

Und säße da in seiner Huld

Und höre alles in Geduld.

Du siehst ihn nimmer ins Gesicht,

auch Ihn zu fragen wagst du nicht.

So währt es eine gute Frist,

bis daß es rundum dunkel ist.

Nur neben dir der helle Schein ---

Und still gehst du ins Haus hinein.

Hermann Claudius


© @g 2001